Gründertwitter: Gensehaut am ganzen Kröper

Man will sich die Vergangenheit gar nicht mehr vorstellen müssen, aber leider ist sie da, jahrelang haarklein und in ihrer völligen „Gehe jetzt Haferflocken kaufen“-Leere auf sozialen Netzwerken dokumentiert, insbesondere bei Twitter. Die Vergangenheit, das heißt in diesem Fall die Zeit vor dem Januar 2017. Als man als Entrepreneur beispielsweise unter Umständen noch nicht Folgendes verinnerlicht hatte: „wünsche euch einen raketenstart in #kw19 ab heute wird wieder geisteskrank angegriffen & gottverdammtes money gemacht LETS GO SISTERS“. So lautet ein echter Powertweet von Zukunftsbeschleuniger @DaxWerner, und der ist symptomatisch für das Mindset, das man als Unternehmer für die Gegenwart so dringend benötigt. Angriff. Money. Let’s go. Warum zur Hölle war das noch nicht selbstverständlich?

Die Antwort: weil in Deutschland die flyen Vorbilder fehlten.

Kurz der Schritt zurück, der Schritt zur Zeitenwende: Ende 2016 herrschte noch die alte verschlafene Welt, das alte Deutschland. Das, was Kanzlerin Angela Merkel einst sich gezwungen sah, traurig-tonlos als einen Ort samt Bewohner beschreiben zu müssen, der noch zu lernen hatte, sich im „Neuland“ zurechtzufinden. Soll heißen: in der Digitalisierung. Irgendwie auch, ganz grob gemeint: im Internet. Ein Land, das noch nicht den maximalen Produktivitätsirrsinn zu verinnerlichen wusste, den man mit den hypermodernen Hebeln anwendet, den man außerdem am besten in Kalenderwochen (#kws) einzuteilen hat. Ein Land gänzlich ohne Vorstellung vom „Grind“, jenem konsequenten Vier-Red-Bull-Wegballern, das benötigt wird, um die wirklich wichtigen Projekte voranzutreiben, an deren Ende Erfolg und Unsterblichkeit stehen. Wenig hilfreich, dass Schlagwörter wie Achtsamkeit und Nachhaltigkeit in der jüngsten Vergangenheit die Runde machten und potenziellen Performgöttern von vornherein die Schlummerdecke über die Nase gezogen haben.

Wie so oft: Der hungrige Geist war vielleicht vorhanden, doch die Aufklärung ließ auf sich warten. Umso wichtiger unter anderem dieser zielgruppenrelevante Tweet, wieder von Dax Werner, diesmal im Juni: „mädels lieben typen die wo ihnen auf 1 party auf dem balkon erzählen dass wir social media strategien 2017 sowieso ganz anders denken müssen“ – wertvoll, lebensnah, brutal Call-to-Action-fähig.

Wissen für das Jetzt

Umso wichtiger, dass es sie tatsächlich gibt, Dax Werner und Startup Claus, zwei High Performer aus der New Economy. Mehr als ihre Handles ist nicht über sie bekannt, aber in den Bios geben sie ein kleines bisschen Aufschluss: Dax Werner beschreibt sich als „Gründungspapst, Startup-Guru. Vielsa(u)nierer. Digital Entrepreneur. Influencer. Gonzopreneur. Motivator. Coach“, Startup Claus hingegen als „Der Mozart des Wagniskapitals. Gründer. Influencer. Business Mentalist“. Mit anderen Worten: Es handelt sich um zwei Visionäre und Vollblutmacher, die seit Anfang Januar (besser: seit der KW1) dem deutschsprachigen Raum das Grinden beibringen, nicht mehr und nicht weniger. Zusammen sind sie Tag für Tag dabei, Powertweet für Powertweet einen Ruck durch das Land zu schicken, dass es Alt-Bundespräsident Roman Herzog und Mehmet Göker gleichermaßen ganz heiß ums Herz geworden wäre. Kein Wunder also, dass Mindset-Verwandter @Alabaster_Alex irgendwann begeistert die Variation aufs Original tweetete: „Mädchen stehen auf entrepreneure die wo sagen ,Ich kenne Dax Werner‘ “.

Wenn eines gewiss ist, dann, dass sich Menschen nach Anleitung und Vorbild sehnen. Nach, logisch, Learnings und Best Practices, Konzepte, die man spätestens aus der papafinanzierten Sommervorbereitung auf die allererste Woche des BWL-Studiums kennt. Schlimm und nichts Neues: Vor allem im deutschsprachigen Raum, wo das Silicon Valley und Tel Aviv fern sind, herrscht seit Menschengedenken das verachtenswerte Angestellten-Mindset vor, Zaudern, Verschnarchtheit, Zu-spät-dran-Sein, mit dem Dax Werner und Startup Claus ein für alle Mal aufräumen. Und das auf eine derart effektive Weise, dass der befreundete Twitter-Account
@BusinessBruder Mitte Juli prosaisch und herzzerreißend plakativ vorschlägt: „Rock gegen Angestellte“. Werner und Claus bieten vielleicht keine Blaupause zum Erfolg, aber schütteln einem in Erinnerung, dass Erfolg in allererster Linie Einstellungssache ist.

Nachvollziehbar: Die USA bieten in jüngster Iteration beispielsweise die Power-Influencer Gary Vaynerchuk und Casey Neistat, die einem mit Schaum im Mund um die Ohren hauen, was man gerade alles nicht macht, bis man endlich, endlich und sich seiner Schuld bewusst ein Unternehmen gründet oder wenigstens ein paar Videos in seinen Youtube-Kanal lädt. Die einem laut und silbengewaltig aufzeigen, dass man die Awesomeness nicht mit Löffeln gefressen hat, das aber wenigstens ändern kann. Sie selber, werden sie nicht müde zu betonen, sind ja die besten Beispiele dafür. Kein Wunder, dass in den USA x-mal mehr Unternehmensgründungen und die daran angeknüpfte extreme Dollarabschöpfung im Sekundentakt stattfinden. Eigentlich passiert der Erfolg zwangsläufig, wenn man dessen Schutzheiligen dort betrachtet.

Nicht, dass es vor Dax Werner und Startup Claus nicht andere bereits in Deutschland versucht hätten. Auch Neuland soll ja endlich aus der Wertschöpfungskette fett abgreifen können. So betreibt „Next Generation Speaker“ (Eigendarstellung) Matt Mockridge zum Beispiel das „Smart Entrepreneur Blog“. Sein Versprechen auf der Website: „Enter the minds of super-performers“. Sein Bestseller hat den Titel „Dein nächstes großes Ding – Gute Ideen aus dem Nichts entwickeln“. Richtig! Wer will das nicht? Leider verlangt Mockridge mit seinem Angebot gänzlich an der Gegenwart vorbei Geld für die exklusiven Insights. Nur verständlich, dass auch hier Dax Werner mittels Podcast in die klaffende Lücke springt und eigentlich alles besser macht. Denn Anfang des Jahres hatte er mit dem „Dax Werner Inspirational Monday Podcast“ gleich mehrere Wochen lang auf Soundcloud einen echten Winner parat, der ohne kostenpflichtiges Abo an die wissbegierige Crowd rausgehauen wurde. Themen: dem Zuhörer Value bringen. Dies und das, „zick zack, nicht erschrecken“, eine erfolgreiche KW euch allen. Bam. So geht das.

Einen anderen, ebenfalls leicht traurig-überholten Fall stellt Vertriebsgott Dirk Kreuter (@DirkKreuter) dar. Der zählt unter anderem Bayer, Siemens, Volkswagen und Lufthansa zu jenen Unternehmen, die bereits von ihm beraten wurden. Kreuters Produkte: Vertriebsoffensive 2017. Führungskräfteausbildung. Das Zielsystem, der Planer für deinen Erfolg. Auf der Kreuter-Website wollen Ansprechpartner Maureen, Lisa und Alexander mit dem Besucher chatten und ausklamüsern, wie ihr Chef Dirk Kreuter am besten den Belangen des Unternehmens behilflich sein und optimieren kann. Das lässt er sich – Speaker und Coach vor dem Herrn – natürlich gut bezahlen. Soll heißen: das mittlere Management mit ein paar sehr soliden und markig von der Bühne herab gebellten Sätzen „abholen“, ein rührendes Top-down-Verfahren, das bis vor Kurzem in den Tagungshotels dieses Landes noch prima funktioniert haben mag.

Doch auch Kreuter muss einsehen, dass man als flugzeugträgerschweres Opa-Unternehmen gegen einen lean und agil agierenden Twitter-Account mit maximal relevanten Inhalten nicht weiter ankommen kann. Man hat sich zu fügen und zu hoffen, dass die zahlenden Kunden nicht direkt auf Nimmerwiedersehen abwandern. So ist Dax Werners Tweet „lieber @dirkkreuter ich wünsche dir einne sehr sehr geile #kw30 und hoffe du hattest einen guten rutsch! FETTE BEUTE dein WERNERS“ von Mitte Juli einerseits Gruß auf Augenhöhe, andererseits aber schon als Drohung für den Platzhirsch zu verstehen. Nicht umsonst kommt pfeilschnell Kreuters Antwort: „Dankeschön lieber Dax auch dir eine KW30 mit #FetteBeute“. So sieht Demut aus, klingt Angst vor Irrelevanz. Werner jedenfalls dürfte sich gefreut haben, und zwar mit einem Tweet, der bei ihm symptomatisch ist für gelungenen Grind: „Gensehaut am ganzen Kröper.“


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